Bizarre, abgefahren, modern – L’ADN über den Microdosing-Trend im Jahr 2019 (Henrik im Interview mit Mathilde Ramadier)

Henrik Jungaberle

2019 Juni L'ADN Game of Neurons Microdosing

Mathilde Ramadier über Microdosing und psychedelische Therapien für das Magazin L’ADN

„Bizarre, branche, moderne“ – weird, trendy, modern

Die französische Autorin Mathilde Ramadier lebt in Berlin und Südfrankreich. Sie schreibt für Zeitschriften und Zeitungen wie Huffington Post, Le Monde, Libération, L’ADN, Socialter, StillPoint Magazine. In diesem Beitrag interviewte sie Henrik zu einer kürzlich durchgeführten Microdosing-Studie, an der er beteiligt war, und zu seinen allgemeinen Gedanken über Psychedelika und psychedelisch-unterstützter Psychotherapie.

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DNA - Mathilde Ramadier Meine Psychotherapie (Juni 2019)

Mathilde Ramadier: Entretien avec Henrik Jungaberle sur le microdosage pour L’ADN

„Bizarre, branche, moderne“

L’auteur française Mathilde Ramadier vit à Berlin et dans le sud de la France. Elle écrit pour des magazines et des journaux comme le Huffington Post, Le Monde, Libération, L’ADN, Socialter, StillPoint Magazine. Dans cet article, elle a interviewé Henrik sur une étude récente sur le microdosage qu’il a co-écrite et sur ses réflexions générales sur les psychédéliques et la psychothérapie assistée par les psychédéliques.

Vous avez mené une étude récente auprès de 2 700 per-sonnes pratiquant le microdosing. Qu’a-t-elle révélé

Henrik Jungaberle: Nous avons découvert que 80 % des personnes interrogées pratiquent le microdosing pour trai-ter une dépression profonde, c’est donc de l’automédication. Il y a aussi des gens qui souffrent d’effets secondaires de traitements psychiatriques et cherchent désespérément des alternatives. Pour certains, le microdosing semble fonctionner, sachant que l’effet placebo peut aussi entrer enjeu.

Le microdosing reçoit un écho très particulier dans la Silicon Valley. Est-ce que les pratiquants travaillent plutôt dans la tech et les métiers dits «créatifs»?

Henrik Jungaberle: Beaucoup de couches sociales sont représentées. Mais si vous êtes créatif, si vous savez vous servir de vos mains et que vous entraînez votre cerveau pour atteindre un état où les idées affluent, il est fort probable que des effets po-sitifs du microdosingse produisent. Pour avoir rencontré beau-coup de personnes microdosant, je pense que le phénomène repose en grande partie sur une certaine fascination pour les psychédéliques: c’est bizarre, branché, moderne …

Read the full interview in French in the slide rotation pictures.

Mathilde Ramadier: Interview mit Henrik Jungaberle über Mikrodosierung für L’ADN

„Bizarr, trendy, modern“

Die französische Autorin Mathilde Ramadier lebt in Berlin und Südfrankreich. Sie schreibt für Zeitschriften und Zeitungen wie Huffington Post, Le Monde, Libération, L’ADN, Socialter, StillPoint Magazine. In diesem Beitrag interviewte sie Henrik zu einer kürzlich durchgeführten Microdosing-Studie, an der er beteiligt war, und zu seinen allgemeinen Gedanken über Psychedelika und psychedelisch-unterstützter Psychotherapie.

Sie haben gerade eine Online-Studie mit 2700 Teilnehmern durchgeführt, die Microdosing durchführen. Was kam dabei heraus?

Henrik Jungaberle: Wenn wir uns die Menschen genauer ansehen und uns auf die Daten konzentrieren, haben wir als Erstes herausgefunden, dass nur sehr wenige von ihnen tatsächlich an Selbstoptimierung arbeiten, um bessere Arbeitnehmer oder Unternehmer zu werden. In unserer Studie gaben 80 % der Befragten an, dass sie Mikrodosierungen von Psychedelika zur Behandlung von Depressionen einnahmen. Es dreht sich also um Selbstmedikation.

Einer der Autoren einer kürzlich in Baltimore durchgeführten Studie sagte: „Wir können es jetzt vielleicht als Placebo-Dosierung bezeichnen“. Aber wir müssen auch über Placebo nachdenken. Der Anthropologe Daniel Moerman. nennt es „meaning response“ (eine „bedeutungstragende Reaktion“): die Art und Weise, wie unser neurokognitives System beginnt, Stress einen Sinn zu geben, indem es den Körper aktiviert. Und es gibt viele Wirkungen, wenn wir über Placebo reden. Eine Studie von Dr. Ted J. Kaptchuk, Medizinprofessor an der Harvard Medical School und Leiter des Harvard-Programms für Placebo-Studien und die therapeutische Begegnung (PiPS), hat gezeigt, dass Menschen selbst dann positiv reagieren, wenn man ihnen explizit sagt, dass man ihnen ein Placebo gibt. Die Mikrodosierung ist auch deshalb ein merkwürdiger Trend, weil viele Menschen gar keine Mikrodosierung vornehmen, auch wenn sie dies behaupten – oft nehmen sie eine Minidosis oder wissen nicht genau, wie hoch ihre Dosis ist.

Can we talk about a social trend ?

Henrik Jungaberle: Ja. Wenn wir wissenschaftliche Vorträge über Microdosing veranstalten, ist der Raum zum Bersten voll – weil die Zeitungen viel darüber berichten (seit den ersten Artikeln aus dem Silicon Valley) und auch, weil viele Leute unbedingt eine vollständige psychedelische Erfahrung machen wollen, aber Angst davor haben. Die Vorsilbe „Mikro“ vor „Dosierung“ lässt sie wohl glauben, dass sie es versuchen können. Das heißt, es ist es nicht immer die persönliche Motivation, die Menschen antreibt, sondern auch der Hype und gesellschaftliche Normen.

Einige Studien haben auch gezeigt, dass es kurzfristig keine negativen Auswirkungen gibt …

Henrik Jungaberle: Nein, das stimmt so nicht. Es gibt schon einige Leute, die negativ reagiert haben. In unserer Online-Studie berichteten bis zu 20 %, dass sie zumindest an einem Tag des Microdosing Angst verspürten und Anzeichen von Panikattacken hatten. Wir können jedoch nicht sicher sein, dass sie wirklich eine Mikrodosis genommen haben, da es schwierig ist, genau zu wissen, wie viel sie genommen haben. Viele Leute sagen, sie wollen 10 bis 15 Mikrogramm LSD nehmen. Aber viele nehmen wahrscheinlich 20 … 40 Mikrogramm ein, und für manche wäre das bereits eine Dosis, die eine psychedelische Erfahrung auslöst. Mehr als die Hälfte brach die Erfahrung zwischen der dritten und der sechsten Woche ab: Sie waren nicht überzeugt. Und diejenigen, die davon überzeugt sind, erzählen es den Medien.

Würden Sie sagen, dass diejenigen, die davon überzeugt sind, auch höheren sozioökonomischen Schichten angehören?

Henrik Jungaberle: Es sind viele soziale Schichten involviert. Ein großer Teil des Massenphänomens betrifft Menschen, die sich selbst therapieren. Wir hatten auch Unternehmer aus der Kreativwirtschaft und der digitalen Industrie dabei. Sie scheinen in Bezug auf Kreativität und Innovation zu profitieren. Wenn Sie ein kreativer Mensch sind, der weiß, was er mit seinen Händen tun kann, und wenn Sie Ihr Gehirn trainieren, um sich in einen Zustand zu versetzen, in dem Sie auf kreative Ideen kommen können, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sich positive Effekte einstellen werden. Nachdem ich viele Menschen getroffen habe, die Microdosing betreiben, und nach dieser Online-Studie denke ich, dass das Phänomen größtenteils auf Erwartungen und der Liebe zum Thema Psychedelika beruht: Schließlich ist es freakig, ausgefallen und klingt modern. Dann gibt es Menschen, die unter den Nebenwirkungen der gängigen Psychopharmaka leiden und verzweifelt nach Alternativen suchen. Bei einigen von ihnen scheint es zu funktionieren.

Wäre es in diesem Fall eine gute Idee, Psychedelika als Medikamente zu legalisieren?

Henrik Jungaberle: Lassen Sie uns Medikamente legalisieren, wenn wir eine solide Evidenzbasis dafür haben. Wir haben nichts dergleichen für Microdosing. Ich spreche oft über Drogenpolitik und Drogenregulierung. Wir sollten nicht einfach etwas legalisieren. Wir müssen Wissen über diese Substanzen sammeln.

… Eines der Ziele der MIND Foundation?

Henrik Jungaberle: Es ist wichtig, im klinischen Bereich zu zeigen, dass Substanzen wie Psilocybin Teil des bereits bestehenden Systems werden und nachhaltige Wirkungen erzeugen können. Das ist noch nicht hinreichend bewiesen worden. Dann brauchen wir natürlich einen legalen und sicheren Rahmen, in dem die Menschen dies unter Aufsicht von Ärzten oder mit Unterstützung anderer Gesundheitsexperten tun können. Wir sind nicht nur an „Patienten“ interessiert. Viele Menschen nehmen diese Substanzen und fühlen sich wohl, sie haben keine größeren Nebenwirkungen, im Gegenteil, sie scheinen lang anhaltende positive Wirkungen zu erleben. Wir sollten auch Räume schaffen, in denen die Menschen ihre Selbsterforschung aus ihrem privaten Umfeld in einen sozialeren, kulturell solideren Raum verlegen können, wo sie Begleitung und Hilfe finden können, wenn sie welche brauchen. Ich stehe Microdosing skeptisch gegenüber, bis uns jemand sagt oder zeigt, dass sie bei einem größeren Teil der Menschen funktioniert.

Glauben Sie, dass Berlin der perfekte Ort für jene ist, die experimentieren möchten?

Henrik Jungaberle: Berlin ist gewiß der „perfekte Ort für Trips“, wenn man eine Stadt mit Gleichgesinnten sucht. ! Aber der Kontext ist bei jeder Erfahrung mit veränderten Zuständen sehr wichtig. Der Kontext ist eine soziale Situation, die sicher oder unsicher ist, in der es Menschen gibt, die Einfluss darauf haben, was man tut, in der man bereits Ideen über psychedelische Erfahrungen hat, die einem helfen, eine gute Erfahrung damit zu machen …

Henrik Jungaberle: Es gibt den Partykonsum, den Freizeitkonsum, es gibt den eher selbstexplorativen psychonautischen Konsum, bei dem die Menschen die Substanz allein oder in kleinen Gruppen zu Hause einnehmen, es gibt Selbstexplorationskontexte, die eher einer Ayahuasca-Zeremonie ähneln, bei der eine Person die Einnahme begleitet, es gibt die Untergrund-Therapie und die legale Therapie, die derzeit hauptsächlich in Universitätskliniken stattfindet – und jeder dieser Kontexte braucht seine eigenen Richtlinien und Regeln.

Das ist für die Menschen nicht leicht zu verstehen. Der Mensch ist keine Maschine, die eine Pille schlucken kann und eine genau vorhersehbare Wirkung hat. Wir sind Beziehungswesen, kontextabhängige Wesen.

Dieselben Ursachen haben also nicht immer dieselben Auswirkungen?

Henrik Jungaberle: Nein, das ist sehr unterschiedlich, und auch die psychedelische Erfahrung an sich ist von Person zu Person unterschiedlich. Es gibt einen Alterseffekt, einen Effekt für diejenigen, die bereits erfahren sind … Bei Menschen, die LSD oder Psilocybin eingenommen haben, gibt es beispielsweise auch immer einen Anteil, der die visuellen Phänomene, die von Künstlern so gut dargestellt wurden, nicht erlebt hat. Sie erleben das einfach nicht. Ihre Erfahrung ist emotional. Wir sollten mehr über die verschiedenen Wirkungen schreiben, die sie auf Psychedelika auf Menschen haben.

01. Juni 2019

Die französische Journalistin und Graphic-Novel-Autorin Mathilde Ramadier interviewte Henrik für eine Sonderausgabe von L’ADN: „Game of Neurons – Qui pendra le contrôle de notre cerveau?“ In dem Interview geht es um Mikrodosing und psychedelische Therapien.

L’ADN tendances

Microdosing Papers aus unseren Forschungsgruppen

Psychedelic microdosing: a subreddit analysis
T Lea, N Amada, H Jungaberle
Journal of psychoactive drugs 52 (2), 101-112

Perceived outcomes of psychedelic microdosing as self-managed therapies for mental and substance use disorders
T Lea, N Amada, H Jungaberle, H Schecke, N Scherbaum, M Klein
Psychopharmacology, 1-12

Microdosing psychedelics: motivations, subjective effects and harm reduction
T Lea, N Amada, H Jungaberle, H Schecke, M Klein
International Journal of Drug Policy 75, 102600

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